Am 11. September rollte der Ball

Dieser Artikel erschien vor fünf Jahren auf meinem alten Blog „Lo Scudetto – ein Blog über italienischen Fußball“. Ich habe ihn für den heutigen Tag aus der Versenkung gehoben und um einige persönliche Anmerkungen ergänzt. 

 


 

Heute vor zehn Jahren.

Ich sitze in der Redaktion meines damaligen Arbeitgebers.

Anruf eines Freundes: „Hast Du gehört, ein Flugzeug ist ins World Trade Center geflogen.“

Mein erster Gedanke: Oh, ins World Trade Center? Das am Wiener Flughafen?

Wäre ja naheliegend…

„Nein, das in New York.“

Offenbar habe ich laut gedacht.

Die Tür geht auf. Auftritt Chef: „Ein Flugzeug ist ins World Trade Center geflogen.“

Wir schauen auf ORF.at, finden ein paar Zeilen Text.

DerStandard.at liefert nach wenigen Minuten zumindest einmal ein Bild, zeigt aber natürlich noch nicht ansatzweise das Ausmaß des Anschlags, von dem zu diesem Zeitpunkt ja noch gar nicht klar ist, ob es überhaupt einer ist.

Viele Nachrichtenseiten gehen unter der Last der Zugriffe in die Knie.

Als wir – in unserem Büro südlich von Wien, rund 100 Meter von einem vergleichsweise „niedrigen Hochhaus“ entfernt – ein Flugzeug hoch über uns hören, schauen wir unweigerlich aus dem Fenster.

Lange begreifen wir gar nicht, was überhaupt passiert ist. Da platzt es aus einem heraus: „Kann die Roma heute spielen?“

Galgenhumor.

Wir haben uns im Jahr des ersten Meistertitels seit 1983 monatelang auf die Champions League gefreut.

Nebensächlich, ich weiß.

Aber die Roma kann spielen.

Anders geschrieben: Die Roma muss spielen.

In Europa ist es zu spät, um sämtliche Begegnungen des 11. September abzusagen. Am nächsten Tag ruht der Ball – diese Spiele werden eine Woche später nachgeholt.

Auf dem Weg ins Pub hole ich mir in der U4-Station Hietzing die Abendausgabe des Kurier. Weil: Handys und aktuelle Infos unterwegs – damals eher so naja…

In der Zeitung informiert eine Seite über das nötigste; die Ereignisse treiben alle an ihre Grenzen.

Beim Betreten des U-Bahn-Waggons habe ich ein ungutes Gefühl. Könnte Wien auch ein Ziel sein? Was weiß man schon.

Sky-Vorgänger Premiere World überträgt die Spiele allesamt ohne Kommentar.

Surreale Stimmung, sowohl im Stadion als auch in jenem Lokal in Mariahilf, in dem wir uns das Spiel ansehen. Wo sonst vorher, nachher oder zwischendurch in der Halbzeit fachgesimpelt wird, wenn Highlights und Analysen verfolgt werden, wo normalerweise viel gelacht wird, laufen Nachrichten.

Das Spiel wirkt deplatziert. Man bekommt das Gefühl nicht los, dass die Protagonisten selbst jetzt auch lieber irgendwo anders wären – und nicht im Stadio Olimpico an einem lauen, römischen Spätsommerabend.

Roma verliert gegen Real Madrid 1:2.


Beim Lesen des Textes kam mir der Gedanke: Unglaublich, dass das schon 15 Jahre her ist – und unglaublich, dass ich oben stehenden Artikel nun auch schon wieder vor fünf Jahren geschrieben habe.

Woran ich mich erinnere, ist, dass mir beim Schreiben meine damaligen Gedanken in der U-Bahn ein bisschen lächerlich vorkamen. Heute sehe ich das aufgrund der Ereignisse quer durch Europa ein wenig anders. 

Was ich mich noch frage, auch wenn es wirklich nebensächlich sein mag: Hätten die Spiele der Champions League am 11. September abgesagt werden müssen? Zeitlich wäre es grundsätzlich möglich gewesen – Fans können wieder umdrehen und nach Hause fahren. Man hat ja letzten November in Hannover gesehen, dass das geht.

Der 11. September war nicht „nur“ ein Terrorakt, sondern auch ein Medienereignis, das in meiner Wahrnehmung alles überstieg, was bisher war. Ich erinnere mich an die aufgrund der enormen Menge an Zugriffen fast vollständig leergeräumte Website von CNN, auf der es nur mehr ein bisschen Text und einige Links zu sehen gab. Ich erinnere mich an die Marathon-ZiB im ORF, als die Twin-Towers live on air einstürzten und an die Worte von Moderatorin Hannelore Veit: „Das World Trade Center in New York steht nicht mehr.“ 

Ich erinnere mich, dass wir – in der Redaktion eines Lifestyle-Portals – händeringend nach Worten suchten, um dem Ereignis irgendwie gerecht zu werden und auf unserer Plattform angemessen Raum zu geben. Ein lieber Kollege von damals, ein Sprachkünstler vor dem Herrn, mittlerweile seit vielen Jahren Werbetexter und wahrlich nicht auf den Mund gefallen, schrieb in einem Mail an unser Team: „Ihr seht, es fehlen sogar mir die Worte.“ 

Vermutlich weiß jeder, wo er mit wem war, als die ersten Meldungen aus den USA nach Europa schwappten.

Auch wenn 9/11 nun schon eine halbe Ewigkeit her ist, kann ich mich noch immer nicht daran gewöhnen: An die „neue“ Skyline von New York City. Dass die Twin-Towers, vor denen ich als Neunjähriger stand und nach oben in die schiere Unendlichkeit blickte, nicht mehr da sind. Dass so ein Wahnsinn und alles, was bis heute darauf folgte, überhaupt möglich ist.

9/11 war für Generationen – nicht zuletzt durch die Fernsehbilder – so einschneidend wie vorher vielleicht der Mauerfall oder die erste Mondlandung. Nur leider unfassbar traurig.

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