Instagress im Test oder: Die komplette digitale Selbstaufgabe

Vor einigen Wochen erhielt ich die Benachrichtigung über einen neuen Follower auf Instagram. Der junge Mann, US-Amerikaner, ist laut Eigenangabe Digitaler Nomade und postet wie zum Beweis beneidenswert schöne Fotos von sich selbst inklusive Notebook an den schönen Stränden dieser Welt.

Jeder von uns, der schon mal mit dem Laptop am Balkon oder im Schanigarten gesessen und versucht hat, irgendetwas auf dem Schirm zu erkennen, weiß um den Bullshitfaktor dieser Bilder. Aber okay, nicht weiter schlimm.

In seinem Profil las ich sinngemäß, er könne dabei helfen, meinen (und Deinen) „Social Proof“ zu verbessern. Klingt ja nicht schlecht – da wollte ich mal genaueres wissen.

„It´s absolutely amazing!“

Irgendwie landete ich dann in einem Webinar zur Verbesserung der eigenen Instagram-Performance.

Zunächst ging es um Grundsätzliches wie die Optimierung der Bio, damit Besucher rasch erkennen, wer man ist und was man tut. So weit, so einleuchtend.

Irgendwann erklärte der junge sympathische Bursche dann, man benötige ein „consistent theme“. Heißt nichts anderes als: Immer beim Thema bleiben. Beschäftigt sich ein User nun beispielsweise mit dem Thema Reisen – etwa als Travel-Blogger – sollte sein Profil auf den ersten Blick ausschließlich Bilder zum Thema zeigen.

Ich sage mal so: Das mag für Marken, Unternehmen oder von mir aus für Blogger durchaus seine Berechtigung haben. Als „echter“ Mensch muss ich sagen: Das Leben ist nun mal nicht „consistent“ – und somit wird es wohl auch mein Profil auf Instagram nie sein.

Lange angekündigt präsentierte mein Nomade dann etwa bei der Hälfte des Webinars das Geheimrezept, wie man seine Followerzahl auf Instagram dramatisch erhöhen könne.

Ich mag ein naiver Dodel sein, aber ich wartete tatsächlich auf den Guru-Trick, denn: „It´s absolutely amazing.“

Es kam dann aber doch anders. Der Tipp lautete: Registriert Euch bei Instagress.

Ich habe es getestet, damit Du es nicht mehr tun musst

Instagress, das heißt übersetzt: Ohne zu schauen, mit wem ich es zu tun habe, folge ich zahlreichen Leuten – in der Hoffnung, dass sie mir ebenfalls folgen.

Damit ich keine Arbeit damit habe, erledigt das Instagress – achtung – völlig automatisch für mich.

Kostenpflichtig.

Ich habe es trotzdem ausprobiert. Zumindest den dreitägigen Gratis-Test, den ich nach knapp 18 Stunden beendet habe.

Das ist meine Statistik – und weiter unten erkläre ich, wie es dazu kam:

Die ultimative Deppenstatistik.

Die ultimative Deppenstatistik.

Die Registrierung erfolgt schnell und unkompliziert mit E-Mail-Adresse oder mit Google- bzw. Facebook-Account. Der eigene Instagram-Account ist ebenfalls schnell mit der Anwendung verknüpft.

Dann geht´s los.

Wie oben ersichtlich, gibt es drei „Actions“, die man tätigen kann. Liken, kommentieren, folgen.

Ich entschied mich für liken und folgen. Alles automatisiert, versteht sich.

Dass ich mein Fake-Ich automatisch Kommentare posten lasse, ging mir dann doch zu weit. Aber immerhin weiß ich jetzt, dass Instagress und ähnliche Tools weit verbreitet sein dürften, habe ich mich doch in den letzten Monaten immer wieder gewundert, dass mir offensichtlich aus dem deutschsprachigen Raum stammende User unter Fotos von Gänsehäufel, Ottakring, Mariahilf & Co regelmäßig sinnbefreite Kommentare wie „Well done mate“ oder „High Five for that“ hinterließen.

Well done was? Den Auslöser gedrückt? Unfallfrei das Bild hochgeladen? Die meisten Hashtags verwendet?

Egal.

Wem will ich nun folgen und wessen Bilder will ich liken? Das lässt sich beispielsweise nach Region eingrenzen, nach Themen (Hashtags) oder mit Hilfe von „Influencern“, die man selbst festlegen kann. Ich entschied mich für eine Mischung: User aus Österreich und Deutschland, die einigen bestimmten von mir gewählten Nutzern folgen und Hashtags zu Themen wie Public Relations verwenden (letztere Einstellung löschte ich im Laufe des Tests).

Weitere Einstellungen, die man beispielsweise vornehmen kann: In welchem Zeitraum soll das Fake-Ich arbeiten (ich habe etwa die Nachtstunden ausgeklammert) und wie lange will man den gefolgten Usern Zeit geben, zurück zu folgen? Denn: Instagress geht davon aus, dass jeder, der einen neuen Follower auf Instagram hat, diesem ebenfalls folgen will – zumindest ist dies ziemlich wahrscheinlich.

Ich habe meinen neuen besten Freunden zehn Stunden Zeit gegeben, um mir zu folgen. Gibt es keine Reaktion, beginnt das Tool automatisch zu entfolgen.

Das ist insgesamt so schräg, dass es schon wieder fast genial ist.

Traue niemals Deinem Fake-Ich!

Nun beginnt das Tool von selbst, nach und nach neuen Nutzern zu folgen und deren Bilder zu liken. Praktischerweise lässt sich in einem eigenen Tab live überprüfen, wem man da so folgt und welche Bilder mit einem Herzchen versehen werden und kann sämtliche Aktivitäten mit einem Klick wieder rückgängig machen. Was auch notwendig ist.

Denn es kam, wie es kommen musste: Mein offenbar gehirnamputiertes und notgeiles Fake-Ich likte unter anderem Hunde, Katzen, halbnackte Bodybuilder und Selfies von leicht bekleideten Mädchen.

Nach knapp 18 Stunden beendete ich das Experiment. Resultat: Zu sinnlos.

In dieser Zeit generierte ich 45 neue Follower und habe dafür 673 Bilder geliked und 436 neue Profile abonniert. Meine Timeline, die davor schön übersichtlich war – fast hätte ich „consistent“ geschrieben – glich einem Sauhaufen. Bilder und Themen, die mich nicht interessierten von Menschen aus Orten, die mich nicht interessierten. Bis auf ein oder zwei Dutzend löschte ich alle – natürlich händisch. Deppenlektion gelernt.

Auf instagress.com liest man:

„Hundreds of the world’s top social media agencies use Instagress to accelerate their clients Instagram accounts.“

Das mag durchaus sein. Mit authentischer Kommunikation hat das aber genau gar nichts zu tun.

Das E-Booklet für Deinen Pressetext

Ebook_pressetext_cover_newsletter

Hol´ Dir jetzt gratis mein E-Booklet "Dein Pressetext: Der Guide für Einsteiger".

Plus: News rund um PR, Digital Life, Bloggen und mehr regelmäßig in Deine Mailbox.

Powered by ConvertKit
58

3 Responses

  1. Christian Höfliger
    18. November 2016
    • Christoph Luke
      21. November 2016
  2. Marco
    14. April 2017

Write a response